Paraphrasen

Die folgenden Texte sind Paraphrasen des letzten Abschnitts der Erzählung „Die Grenze“ von Thomas Hürlimann. In ihnen lasse ich Peter Handke, Franz Kafka, Max Frisch und Thomas Bernhard zu Wort kommen. Sie sind in den späten 80er Jahren entstanden, und ich denke, daß der fünfte Text von Hermann Hesse inspiriert war.


Am Abend saßen die Kinder auf den Knien des Vaters. Draußen war es schon dunkel, und es regnete. Der Vater erzählte Soldatengeschichten. Die Augen des Jungen glänzten, und seine Wangen waren rot.
Er sagte: „Ich will auch ein Hauptmann sein.“ Der Vater sah ihn an und schwieg.
Später wußte der Junge, daß es dumm war, für sein Vaterland zu sterben.


Im Laufe des Abends legte der Vater manchmal die Zeitung auf den Tisch, rief die Kinder herbei und erzählte ihnen Geschichten. Einmal, es war wohl schon spät geworden und eigentlich hätte er schon zu Bett gehen müssen, schlief Viktor ein und träumte. In seinem Traum war er mit einer straffen blauen Uniform mit Goldknöpfen bekleidet, wie Hauptmänner sie tragen. Er lief lachend auf dem Schlachtfeld herum und schwang seinen Säbel. Selbst als er von einer Kugel getroffen wurde und blutend zusammenbrach, lächelte er noch, als sei es ein Vergnügen oder eine Ehre für das Vaterland zu fallen.


Manchmal denke ich daran, wie es war.
Meine beiden Schwestern, damals noch jung, trugen Schleifen im blonden Haar; wir sitzen auf dem Boden des hellen Wohnzimmers. Mein Vater erzählt irgendwelche Geschichten über den Krieg.
My life as a soldier.
Ich stelle mir vor. Ich bin Offizier. Ich klettere durch Schützengräben, schleiche mich am Feind vorbei, um geheime Dokumente zu übergeben.
Manchmal denke ich, es ist schön, für sein Vaterland zu sterben.


Während seine Schwestern, die, sagte er, damals noch klein gewesen seien, sich stets auf die unerträglichste Weise ruhig verhalten hätten, habe er wiederholt den Vater gebeten, ihm spannende Geschichten vom Krieg zu erzählen, wie er ja überhaupt den Vater des öfteren um einen Gefallen gebeten habe, den dieser immer, wenn auch manchmal erst nach größtem Zögern, efüllt habe. Insgeheim befürchtete der Vater wohl, daß er, sich den Wünschen des Elternhauses widersetzend, beschließen könne, Soldat zu werden, und die ungeheure Torheit, tapfer und stolz für sein Vaterland zu fallen, eine fixe Idee werden könne.


Mit der fortschreitenden Bewußtwerdung dessen, was ich in meiner frühen Kindheit erlebt hatte, begann ich zu verstehen, welchen Irrtum ich begangen hatte, und merkte allmählich, daß Kindheitsträume wohl stets diesen idealistischen Schwung in sich bergen. Und dennoch klammerte ich mich an diesen Gedanken, der mir inzwischen so vertraut geworden war. Immer wieder dachte ich an meinen Vater, seine faszinierenden Geschichten über Soldatenschicksale, und in mir regte sich der fragwürdige Wunsch, für mein Vaterland zu sterben.

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